
Am Klaviersteg zählt nicht nur, wo eine Saite entlangläuft, sondern auch, wie sie anliegt. Der Kontakt muss ihre Schwingung zuverlässig begrenzen und zugleich an den Resonanzboden weitergeben. Eine lockere Führung oder eine ungünstig geformte Auflage kann deshalb den Ton beeinträchtigen, obwohl die Saite selbst unbeschädigt ist. Die Aufnahme des geöffneten Stichel-Klaviers zeigt den Bereich, in dem die Saiten über die Stege zu ihren Anhängepunkten geführt werden.
Bei einer üblichen Stegkonstruktion wird jede Saite an zwei versetzt angeordneten Stegstiften vorbeigeführt. Der Draht verläuft dort nicht ganz gerade, sondern wird seitlich abgelenkt. Durch die Zugspannung liegt er an den Stiften an. Diese seitliche Führung hält die Saite an ihrer vorgesehenen Position und gehört zur mechanischen Verbindung zwischen Saite und Steg.
Hinzu kommt der Druck auf die Stegoberfläche. Er entsteht durch die räumliche Saitenführung: Die Saite ändert beim Überqueren des Stegs auch ihre Richtung zur Auflage hin. Seitliche Anlage und Auflagedruck sind somit zwei unterschiedliche Aspekte desselben Kontakts. Eine fest gespannte Saite allein garantiert noch nicht, dass beide an der richtigen Stelle wirksam sind.
Am Übergang zur klingenden Länge sollen die seitliche Führung und die Kante der Auflage zusammenpassen. Bei einem traditionellen Holzsteg werden dafür neben den Saitengruppen Kerben ausgearbeitet. Sie schaffen Freiraum, damit die Saite vor ihrem vorgesehenen Begrenzungspunkt nicht zusätzlich auf Holz trifft. Die Kerbung ist also keine Verzierung, sondern Teil der Saitenführung.
Eine zu weit in die klingende Länge ragende Auflage verändert diesen Übergang. Auch ein Stift, der in seiner Bohrung Spiel hat, bietet keine verlässliche seitliche Abstützung. Solche Fehler lassen sich nicht dadurch beheben, dass die Saite nur auf eine andere Tonhöhe gestimmt wird: Das Stimmen verändert die Spannung, nicht die Form der Auflage oder den Sitz des Stifts.
Eine sichere Saitenbegrenzung bedeutet nicht, dass der Steg völlig unbeweglich sein soll. Er ist mit dem Resonanzboden verbunden und bewegt sich mit ihm in sehr kleinen Ausschlägen. Gerade diese Bewegung ermöglicht die Übertragung der Schwingungsenergie. Die Saite arbeitet daher an ihrem Ende gegen eine nachgiebige, schwingende Struktur und nicht gegen eine vollkommen starre Wand.
Das beeinflusst auch das Ausschwingen. Gibt eine Saite Energie an den Resonanzboden ab, steht ihr diese Energie für die eigene weitere Schwingung nicht mehr zur Verfügung. Die Kopplung wirkt außerdem auf die einzelnen Teiltöne unterschiedlich. Lautstärke und Nachklang lassen sich deshalb nicht unabhängig voneinander beurteilen; ein möglichst hoher Auflagedruck ist für sich genommen kein sinnvolles Qualitätsziel.
Bei einer Stegreparatur gehören der feste Sitz der Stifte, die Lage der Begrenzungskanten und die Höhe der Saitenauflage zusammen. Wird eine beschädigte Stegoberfläche bearbeitet oder erneuert, darf ihre Höhe nicht beliebig verändert werden. Damit würde sich auch der Winkel ändern, in dem die gespannten Saiten über den Steg laufen, und damit die Belastung des Resonanzbodens.
Vor der Bearbeitung werden deshalb die vorhandenen Saitenwege und Auflagepunkte festgehalten. Bei einer Erneuerung der Stegauflage muss deren Höhe zum Resonanzboden und zur übrigen Saitenführung passen. Eine glatt geschliffene Fläche und gleichmäßig aussehende Stifte reichen als Kontrolle nicht aus: Maßgeblich sind die tatsächlichen Kontaktstellen unter Saitenzug.